Donnerstag, 21. November 2019

Barbara Wersba: Ein Weihnachtsgeschenk für Walter



Nach Weihnachten ist vor Weihnachten. Vielleicht sucht ja schon jemand was für das kommende Weihnachtsfest.

Auch in diesem Buch tauchen wieder Buchtitel und Autoren auf. Aus der Sicht einer echten Leseratte namens Walter. Walter war eine hochbetagte Ratte. Er lebt jetzt schone eine Weile bei der Schriftstellerin Amanda Pomeroy.

Mit der Gabe, lesen zu können, ist Walter schon auf die Welt gekommen. Als er auf einer Müllhalde zwei Bücher eines gewissen Sir Walter Scott gelesen hatte, benannte er sich nach ihm. Scott muss ein bedeutender Mann gewesen sein, da die Bücher in Leder gebunden waren.

Über das, was Walter in Miss Pomeroys Haus erlebt, wie er sie näher kennenlernt, ja sich sogar Briefe mit ihr austauscht, schweige ich, da das Buch nur 60 Seiten hat. 60 wundervolle Seiten Lesevergnügen. Noch dazu ist es auch noch wunderschön bebildert.

Mittwoch, 20. November 2019

Selma Lagerlöf: Das Mädchen vom Moorhof


Das Buch ist die Nr. 285 von der Insel-Bücherei. Ich liebe diese kleinen Büchlein. Es geht in dieser Novelle um die Dienstmagd Helga Nilsson, die auf einem Thing (vor Gericht) einen Erziehungsbeitrag für ihr Baby einklagen will. Der Vater des Kindes ist ein verheirateter Mann, der behauptet, zu Unrecht beschuldigt zu werden. Der Richter fragt ihn, ob er bereit sei, einen Eid zu schwören, was er bejaht.
Da zuckt Helga zusammen und bevor er den Eid ablegen kann, schreitet sie ein. Sie reist die Bibel an sich. Bevor er seine Seele verschwören kann, zieht sie die Klage zurück. Der Richter ist beeindruckt von ihr. Und obwohl sie nun ohne Geld dasteht, geht sie als moralische Siegerin aus dem Gerichtssaal.
Ob ihr das im weiteren Leben hilft?

Dienstag, 19. November 2019

Anna Seghers

Anna Seghers wurde am 19. November 1900 in Mainz als Netty Reiling geboren. Ihr Vater - Isidor Reiling - war Antiquitätenhändler.
Ab 1919 studierte sie Philologie, Geschichte, Kunstgeschichte und Sinologie in Köln und Heidelberg. Fünf Jahre später, 1924, promovierte sie mit der Arbeit "Jude und Judentum im Werke Rembrandts". Sie bereiste viele Länder.

1925 heiratete sie den englischen Schriftsteller und Soziologen Laszlo Radvanyi. Sie trat 1928 der KPD bei und wurde Mitglied des Bundes proletarisch-revolutionärer Schriftsteller.

Im Jahr 1930 fand der Kongress der Internationalen Vereinigung Revolutionärer Schriftsteller in Charkow statt, an dem sie teilnahm.
Ihre Bücher wurden 1933 verboten, sie floh nach Frankreich. Dort arbeitet sie in Paris an antifaschistischen Zeitschriften und Verlagen mit, bis sie 1940 nach Mexiko floh. Mit Ludwig Renn, Bodo Uhse und Alexander Abusch gab sie dort die Zeitschrift "Freies Deutschland" heraus und wurde Vorsitzende des antifaschistischen Heine-Clubs.

1947 kam sie zur Annahme des Georg-Büchner-Preises nach Deutschland zurück und wohnte dann in Ost-Berlin. Seit der Gründung des Deutschen Schriftstellerverbandes der DDR war sie bis 1978 dessen Vorsitzende, danach Ehrenvorsitzende.

Zentrale Themen in Anna Seghers Romanen und Erzählungen sind der Kampf der Unterdrückten und Ausgebeuteten, Faschismus, Exil und die Entwicklung in der Nachkriegszeit in Deutschland. Weltberühmt wurde sie mit dem KZ-Roman "Das siebte Kreuz" (1942).

Öffentlich jedoch schwieg Anna Seghers zu allem: Sie erhob weder ihre Stimme, als der Arbeiteraufstand im Juni 1953 in der DDR stattfand, noch als die sowjetischen Truppen 1956 in Ungarn einmarschierten, noch als der Freund Walter Janka im Gefängnis verschwand, noch zum Mauerbau, noch zum Prager Frühling, noch zur Ausbürgerung Biermanns 1976.

Anna Seghers starb am 1. Juni 1983 in Ost-Berlin.

Nähere Informationen findet ihr auf dieser Seite: anna-seghers.de

Marcel Reich-Ranicki über Anna Seghers


Montag, 18. November 2019

Frances Greenslade: Der Duft des Regens

Familienschicksal ohne Happy End

Maggie schreibt diese Geschichte auf. Jenny bat sie darum, das Ganze für sie zu sortieren. Sie lebten in den Wäldern von Kanada, in Duchess Creek. Das Haus, in dem sie wohnten, war keines, in dem man alt werden konnte. Ab und an gab es Strom, aber nur für die Lampen. Es gab zwar einen Elektroherd, aber die Mutter kochte, wenn überhaupt, lieber auf dem Holzofen. Wenn sie im 20. Jahrhundert ankommen wollte, meinte sie, dann würde sie nach Vancouver ziehen. Als Toilette gab es ein Plumpsklo. Und direkt am Waldrand wurde eine schwere Badewanne aufgestellt.
Die Mädchen hatten wohl eine glückliche Kindheit, doch Maggie machte sich tagtäglich Sorgen. Sorgen darüber, dass ihre Mutter sich mit der Axt verletzte, oder dass sie, wenn sie von der Schule nach Hause kam, ihr Häuschen zu Asche verbrannt vorfand.

"Wir waren eine normale Familie; das ist unsere Geschichte. Unsere Tage bestanden aus Flussufern und Schotterstraßen, Fahrrädern und Grashüpfern. Aber sobald du Gedanken spinnst, öffnest du eine Tür. Du lockst die Tragödie an. Das hat meine Sorge mich gelehrt."

Das ging so weit, dass Maggie abends nicht einschlafen konnte, nachts noch einmal aufstand, um in die Küche gehen zu können, um etwas zu trinken. Dabei vergewisserte sie sich, ob alles in Ordnung war.
Eine glückliche Kindheit stelle ich mir irgendwie anders vor. Von solchen Ängsten sollte doch kein Kind geplagt sein.

Dann stirbt der Vater bei einem Arbeitsunfall im Wald und Maggie hört auf zu sprechen. Erst eine ganze Weile später, als die Mutter mit den beiden Mädels einen Ausflug macht und sie an die Stelle kommen, an der Maggie und ihr Vater einen Unterschlupf gebaut hatten, findet sie die Sprache wieder.
Die Mutter findet nun einen Job weiter entfernt von ihrem Zuhause, das sie aufgeben musste, um die Miete zu sparen.
Maggie bekommt ein kleines Kätzchen, um das sie sich kümmern muss, was sie auch von Herzen tut. Was für ein Schock, als das Kleine mal wegläuft.
Doch als der Sommer vorüberging, wurde es noch problematischer. Der Saisonjob ist vorbei und die drei haben kein Zuhause. Es ist September, die Mutter würde am liebsten noch zelten, aber Jenny stellt sich quer. So sind die Mädels oft bei Rita, der Freundin der Mutter.
Doch als die beiden sich zerstreiten, sind sie wieder auf sich gestellt. Die Mädchen werden zu einem Ehepaar gebracht. Der Mann, der im Rollstuhl sitzt, war ein Freund des Vaters. Während seine Frau Bea, unzufrieden mit ihrem Leben, sich von Jenny anscheinend um den Finger wickeln lässt, kommt sie mit Maggies Art gar nicht klar. Die fängt oft den ganzen Ärger ab. Dafür kann sie besser mit Ted, der ihr ab und an von ihrem Vater erzählt.
Als Ted dann an Krebs starb, dachte ich, die Mädchen werden jetzt wieder weggegeben. Aber ganz im Gegenteil. Bea scheint aufzuleben und selbst Maggie wird nun freundlicher behandelt.
Trotzdem sind die Mädchen, besonders Maggie darüber unglücklich, dass die Mutter sich mittlerweile gar nicht mehr meldet. Hat sie die erste Zeit noch Geld in einem Brief geschickt, kam nun nicht mal mehr eine Geburtstagskarte für Maggie.
Und gerade als man denkt, dass die drei sich für ein gemeinsames Leben eingerichtet haben, kommt das nächste Unglück. Jenny ist im dritten Monat schwanger, als sie es Bea erzählt. Maggie dachte ja, Bea würde erst mal toben und sich dann beruhigen, aber nein, sie schmeißt Jenny raus. Jenny muss nach Vancouver, in ein Heim für ledige Mütter. Dort soll sie das Kind zur Welt bringen und es zur Adoption freigeben - und das 1974.

Als Jenny sich nach der Entbindung nicht gleich wieder erholt, macht sich Maggie auf den Weg, die Mutter zu suchen. Die muss doch jetzt bei ihrer Tochter sein.
Was Maggie dann aber bei ihren Nachforschungen erfährt, lest selbst.

Die Geschichte liest sich sehr schön. Mir gefällt die Sprache der Autorin, deren erstes Buch das ist. Die Naturbeschreibung klingen so toll, dass man meint, alles bildhaft vor sich zu sehen und zu riechen.

Es scheint noch kein weiteres Buch von Frances Greenslade zu geben. Ich werde das im Auge behalten und sollte sie noch eines schreiben, werde ich es sicherlich lesen.

Mittwoch, 13. November 2019

Henriette Schroeder: Ein Hauch von Lippenstift für die Würde

Spielt das Aussehen für Frauen in Krisen- und Notzeiten eine Rolle? Aber ja. Selbst in Kriegszeiten achten sie darauf, wie sie das Haus verlassen. In Gefangenschaft ist es für sie geradezu überlebenswichtig, ihre Würde und Weiblichkeit bewahren zu können. Und wenn es nur ein Teelöffel Zucker mit etwas Wasser ist, um ihn als Haarfestiger nutzen zu können.

Man sollte meinen, und so denken viele Leute, dass es in Zeiten von Not Wichtigeres gibt als das Aussehen. Doch "schon ein Hauch von Lippenstift lässt Frauen sich in fast jeder Notlage besser fühlen".

Wer sind diese Frauen, die Henriette Schroeder dem Leser hier vorstellt?

Emily Wu kommt als erste zu Wort. 1958 kam sie in Peking zur Welt. Mao Tse-tung wollte die Landwirtschaft kollektivieren und China in eine industrialisierte kommunistische Großmacht verwandeln. Dabei nahm er in Kauf, dass innerhalb von vier Jahren 45 Millionen Menschen verhungerten.

Emily kannte nur eine graue, triste Welt. Keine Farben oder elegante Kleidung. Mit 23 Jahren emigrierte sie in die USA und schrieb ihre Memoiren: "Feder im Sturm - Meine Kindheit in China". Bis heute stehen sie dort auf dem Index.

"Kulturrevolution" bedeutete in China auch, die "Vier alten" (die Kurzform für alte Ideen, alte Kultur, alte Bräuche und alte Gewohnheiten) zu zerstören oder zu konfiszieren. 5000 Jahre alte chinesische Traditionen sollten eliminiert werden.

Als junges Mädchen verbrachte Emily viele Stunden damit zu stricken, sticken oder nähen oder Dekorationen zu basteln. "Unser Leben war so elend, langweilig und farblos, dass wir alles taten, um es erträglicher zu machen."

Henriette Schroeder interviewt Frauen, die Schreckliches erlebt haben. Zum Beispiel die Belagerung von Sarajevo (1992), während der die Stadt 1425 Tage eingeschlossen blieb, Scharfschützen auch auf Frauen und Kinder zielten. 11.541 Menschen starben während dieses Krieges, der inmitten des friedlichen Europas stattfand. Tausende wurden schwer verletzt und über 30.000 Menschen werden immer noch vermisst.

Wenn man gelesen hat, was diese Frauen erlebt haben, dann versteht man, dass schon ein Hauch von Lippenstift zum Überleben beitragen kann.

Alle Frauen zu benennen, wäre hier zu viel. Daher werde ich nur einige der Frauen mit einem Zitat zu Wort kommen lassen.

Senka Kurtović: "Sich schminken, sich gut kleiden, war auch Schutz gegen das Grauen..."

Samra Luckin: "Ich hatte am ersten Tag des Krieges genauso viel Angst wie am letzten. Ich wollte aber auch nicht hinnehmen, dass mich jemand zu einer Lebensweise zwingt, die unter meiner persönlichen Würde ist. Auch deshalb habe ich mich um mein Aussehen gekümmert. Es ging um Würde und um Auflehnung gegen diese Primitiven, die uns umzingelt hatten und auf uns schossen."

Christiane Amanpour: "Ich lernte, dass unter Beschuss, unter den mittelalterlichen Bedingungen, unter denen die Frauen leben mussten, schön sein zu wollen, nichts mit Eitelkeit zu tun hatte. Es ging ihnen darum, ihre Menschlichkeit zu bewahren."

Die Iranerin Yalda (Name geändert) lebt seit 2012 in völliger Anonymität in Wien: "Die Mullahs sagen, der Islam schreibe die Kleiderordnung vor. Aber in Wirklichkeit bestehen sie darauf, weil sie so dreckige, pervertierte Seelen haben. Und sie behaupten, alle anderen hätten ähnliche Gedanken; also erlassen sie viele Verbote. So wird Druck aufgebaut. Sie haben eine so schmutzige Fantasie, dass eine weibliche Fessel sie bereits anmachen würde. Mit all ihren Vorschriften verbreiten sie Angst und Schrecken und können so ihre Herrschaft zementieren."

Wir hier im Westen sind mit Urteilen immer schnell bei der Hand. Gerade was das Kopftuch, die Kleider der Frauen aus anderen Kulturen betrifft. Dass vermummte und kopftuchtragende Frauen ihre ganz persönliche Revolution durchführen, das sehen wir nicht.

Deshalb wünsche ich diesem Buch ganz viele Leser. Damit der ein oder andere sein vorschnelles Urteil vielleicht doch noch revidieren kann.

Ich bin in diesem äußerst interessanten Buch auf so viele Frauen gestoßen, die ich bisher nicht mal vom Namen her kannte. Daher stelle ich es auch nicht gleich wieder ins Regal zurück, sondern versuche mal, noch mehr über diese Frauen zu erfahren.

Das war mal wieder ein Buch, bei dem mir so richtig die Wut hochstieg. Besonders der Beitrag über die ehemalige DDR-Fernsehmoderatorin Edda Schönherz. Sie hat drei Jahre lang das schrecklichste DDR-Frauen-Gefängnis erleben müssen. Und da kann man wirklich sagen: Was die Nazis begonnen haben, hat die Stasi vervollkommnet.
Das Schreckliche daran: Die Männer, die sie damals gedemütigt haben, sitzen heute wieder in hohen Posten. Sie führen mittelständische Unternehmen, sind Vorstandsvorsitzende, haben Hotels. Und sitzen in der Regierung. Und Letztes ist wirklich ein Schlag ins Gesicht gegen, ja, eigentlich gegen alle Menschen.

Es war nach der Wende genauso wie nach dem Zweiten Weltkrieg: Die Täter konnten ein unbehelligtes Leben weiterführen. Die Opfer müssen mit ihren Erlebnissen klarkommen.

Montag, 11. November 2019

Jostein Gaarder, Klaus Hagerup: Bibbi Bokkens magische Bibliothek

Berit und ihr Vetter Nils Boyum Torgersen führen ein Briefbuch. Was für eine tolle Idee, dachte ich, als ich das Buch vor Jahren das erste Mal las.
Nils kommt nächstes Jahr auf die Oberschule und findet Berits Idee, ein Briefbuch, das dann zwischen Oslo und Fjærland hin und her pendelt, doch nicht so schlecht. Und so hat er ein Buch gekauft und schreibt nun den ersten Brief an Berit. Er berichtet ihr von der seltsamen Frau mit dem zerfetzten Buch in der Handtasche, die sie während eines Urlaubs gemeinsam gesehen haben. Diese Frau traf er im Buchladen wieder - und sie sabbert, als wären die Bücher aus Schokolade. Und sie wollte sich unbedingt finanziell an dem Briefbuch beteiligen.

Was für ein Zufall, denn Berit begegnete der Frau ebenfalls und folgte ihr heimlich. Und sie nahm einen Brief an sich, den die Frau verlor. Er ist an eine Bibbi gerichtet, geschrieben von einer Siri. Es geht darin um ein Antiquariat, das anscheinend von gestern auf heute verschwunden ist. Der Verkäufer bot Siri ein Buch an, das nagelneu war und erst im kommenden Jahr erscheinen sollte. Es ist quasi noch nicht mal geschrieben.
Weiterhin geht aus dem Brief hervor, dass Bibbi wohl die einzige wirkliche Bibliografin in Norwegen sein soll.

Jostein Gaarder ist einfach fantastisch (dabei kenne ich bisher nur dieses eine Buch von ihm). Er stattet Nils mit einer Fantasie aus, die es ihm gestattet, aus den wenigen bisherigen Informationen über Bibbi Bokken einen köstlichen Schulaufsatz zu schreiben.

Die Geschichte regt Kinder an, nicht jede Information für bare Münze zu nehmen, sondern nachzuforschen, ob sie der Wahrheit entsprechen kann. Und so macht es unheimlich Spaß, zu sehen, wie Berit und Nils leserisch zu ihren Schlussfolgerungen kommen.

Ein Zitat möchte ich hier unbedingt zeigen:

"Obwohl viele sicher finden, das seien Bücher für kleine Kinder, sind sie doch auch noch ziemlich schön, wenn wir älter sind. Sie erinnern uns natürlich an Sachen, die wir vergessen haben (...) Außerdem geben sie uns eine Art Geborgenheit in einer unruhigen Welt. Und wenn ich jetzt etwas brauche, dann ein wenig Geborgenheit. Sonst zerreiße ich ganz einfach in Fetzen."

Das kann ich so gut nachvollziehen. In unserer Welt, die anscheinend immer verrückter wird, brauche auch ich diesen Rückzugsort. Nicht unbedingt in Kinderbücher, aber doch in meine Bücher.

Und während Berit und Nils während des Schreibens viel Wissenswertes über Bücher und die Literatur erfahren, erleben sie ein tolles Abenteuer, das drin gipfelt... aber nein, das verrate ich nicht. Das lest selbst.

Samstag, 9. November 2019

Der Wiener Heiner Rosseck ist ein Überlebender. Er hat das KZ Auschwitz überlebt. Anfang der 1960er Jahre findet in Frankfurt der Auschwitz-Prozess statt, an dem Heiner als Zeuge teilnimmt.
Seine erste Reise nach Frankfurt lag ein Jahr zurück. Damals waren seine Füße aus Blei und der Weg zum Untersuchungsgefängnis wie eine zweite Deportation.
Bei einer Gegenüberstellung sollte er zwei Männer identifizieren, die ihn hätten täglich töten können. Nun sollte er all das vor Gericht wiederholen. Aber man wollte es ganz genau wissen: Wann, wo, wie. Das machte ihn fertig:

"die Wahrheitssuche im Sinne des Strafgesetzbuches. Er wusste dass es im Prozess um Daten und Fakten ging, nicht um Gefühle, aber er hatte sich überschätzt. Vor ihm saß der Richter, dessen Ton so tadelnd war, als hätte er den untauglichsten Zeugen eines Verkehrsunfalls vor sich".

Während dieses Prozesses lernt Heiner Lena kennen. Sie half ihm, als er zusammenbrach. Sie verlieben sich. Doch Heiner warnt Lena. Der Tod ist sein ständiger Begleiter. Er selbst ist ein Wrack. Fleckfieber, Typhus, Tuberkulose, Erschöpfungszustände, chronische Bronchitis, Durchblutungsstörungen, Herzinfarkt.

"Bevor wir Pläne schmieden, schrieb er, muss ich Dir zeigen, was zu mir gehört wie mein Kopf und mein Herz. Kann sein, dass Du es in einer Wohnung, in der wir zusammen leben, nicht ertragen willst.
Seine Briefe waren zärtlich und scheu. Er warnte vor sich. Er war versessen nach Glück und hatte Angst vor dem Glück."

Er lebte mit seinen Erinnerungen. Nachts musste im Schlafzimmer ein schwaches Licht brennen. Er konnte nicht im dunklen Zimmer wach werden. Er schrie im Schlaf.
Und in Lena nagte ein vager Zweifel. Wie lange reichte ihre Liebe für den Teil des Mannes, der im Lager geblieben war.

Am 5. August 1965 reiste Heiner wieder nach Frankfurt. Die Schlussworte der Angeklagten sollten gesprochen werden. Sie waren natürlich alle unschuldig. Niemand hat mitbekommen, was in Auschwitz vor sich ging.
Die Attacken, die Heiner erlebte, kamen von einer Minute zur anderen. Zum Beispiel in einem Wiener Café. Dann saß er plötzlich wieder in der Schreibstube und tippte im Akkord Todeslisten. Für ihn war es ungeheuerlich, dass die Menschen um ihn rum von seiner Welt nichts wussten.
Lena möchte die Ehefrauen dieser Täter verstehen. Ob deren Kinder wissen wollen, was die Väter verbrochen haben. Heiner begehrt auf. Ihn bringt das Einfühlungsvermögen in die Lagerteufel um.

Und ist es nicht tatsächlich so? Wir wollen die Täter verstehen. Wie konnten sie so werden? Aber wer fragt nach den Opfern? Auch heute hat der Täter jede Menge Aufmerksamkeit und Rechte, die sich das Opfer erkämpfen muss.

Eine Frau und Kind hat Heiner schon verloren wegen seiner Erinnerungen. Martha hielt es nicht aus. Nach fünf Jahren verlor sie die Geduld:

"Dein Bett steht in Wien, sagte sie, verdammt noch mal, nicht in Block 21. Ich ertrage keinen Mann, der nachts seine Häftlingsnummer in die Dunkelheit schreit: 63.387."

Niemand wollte seine Geschichten hören. Niemand glaubte sie ihm. Nicht mal die Mutter, nicht die Freunde.

Ich möchte noch so viele Stellen zitieren. Die Erinnerungen, die den Überlebenden quälen. Ich denke immer, ich habe schon viel erfahren, was in den KZs geschehen ist. Und dann kommen immer noch neue Greuel dazu. Und vor Fassungslosigkeit merke ich beim Lesen nicht, wie ich die Luft anhalte.

Im Anhang gibt es ein Nachwort von Margarete Mitscherlich.

"Sie war eine deutsche Psychoanalytikerin, Ärztin und Autorin zahlreicher Bücher.

Mitscherlich schrieb gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich (1908–1982), das Buch Die Unfähigkeit zu trauern, das 1967 Diskussionen auslöste. Darin untersuchten sie am Beispiel der nationalsozialistischen Vergangenheit Deutschlands und der unzulänglichen Auseinandersetzung und Bewältigung in der Adenauer-Ära die Abwehrhaltung des Einzelnen und der Masse gegenüber Schuld und Mitschuld an politischen Verbrechen."
- Wikipedia