Mittwoch, 8. Januar 2020

Auf Wiedersehen

Mitte des letzten Jahres habe ich meine Literaturheimat gefunden. Nach einem halben Jahr kann ich sagen, dass das Interesse für meine Beiträge dort wesentlich größer ist. Biografisches in einem Blog scheint wohl nicht das Wahre zu sein.

Sollte mich der ein oder die andere doch vermissen, findet ihr mich auf



Bjørg Vik

Bjørg Vik wurde am 11. September 1935 in Oslo geboren. Die norwegische Schriftstellerin und Dramatikerin hat die Frauenbewegung und feministische Literatur in Norwegen maßgeblich beeinflusst.

Nach dem Besuch der Journalistenakademie 1955 war sie bis 1960 bei der Zeitung „Porsgrunn Dagbladet“ tätig.

1963 erschien ihr erstes Buch: Søndag ettermiddag (Sonntag Nachmittag). Die Frauenschicksale werden aus der Sicht einer anderen Frau erzählt, die zuerst wenig Verständnis aufbringt, sich dann aber solidarisiert.

Bjørg Vik war Mitbegründerin der feministischen Frauenzeitschrift "Sirene". Zudem verfasste sie Theaterstücke. "Zwei Akte für Frauen" lebt von den Gesprächen von fünf Freundinnen. Die Autorin hebt dabei besonders die Frustrationen und verpassten Erwartungen der Frauen hervor. Das Stück sollte gerade Männern ein Bewusstsein für die Situation der Frauen bringen. Es war sehr erfolgreich, wurde für das Fernsehen verfilmt und im Ausland aufgeführt.

Zu ihrem wohl besten Werk - der Erzählband Kvinneakvariet (Das Frauenaquarium) von 1972 - schreibt Thomas Sailer in "Skandinavische Literaturgeschichte", Metzler: Sie thematisiert „weibliche Krisensituationen in den verschiedensten Lebensphasen sowie die Suche nach einer adäquaten Lebensform, der Geschlechterkonflikt ist in den Hintergrund getreten.“

Bjørg Vik war verheiratet und hatte drei Kinder. Sie lebte in Porsgrunn.

Am 7. Januar 2018 starb Bjørg Vik.

Sonntag, 5. Januar 2020

Lene Voigt – leidenschaftliche Mundartdichterin

Goethe sagte einst: „Jede Provinz liebt ihren Dialekt: denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.“

Ausgelebt hat das die Schriftstellerin und sächsische Mundartdichterin Lene Voigt. Sie wurde am 2. Mai 1891 in Leipzig als Helene Wagner geboren; ihr Vater war Schriftsetzer, ihre Mutter wollte, dass sie Kindergärtnerin würde.

Am 19. September 1914 heiratete sie den ehemaligen Musiker Otto Voigt (1890-1976). Im selben Jahr erschien ihr erstes Buch „Finale“, gewidmet der Sängerin Aline Sanden (1876-1955). Und sie wurde Mitautorin der Anthologie „Dichtung und Prosa Leipziger Frauen“.

1920 ließ sich das Ehepaar scheiden – sie blieben aber bis zum Schluss in Kontakt – und Lene arbeitete als freie Schriftstellerin. Ihre Parodien in sächsischer Mundart wurden ihr Markenzeichen.

Für Lene Voigt war das Schreiben aber auch ein Weg zur Bewältigung von Schicksalsschlägen. Als am 2. Februar 1924 ihr fünfjähriger Sohn Alfred starb, schrieb sie:

"Ä Seichling liecht im Ginderwaachen
Un nubbelt voller Wohlbehaachen.
De Leite, die vorieberjaachen,
Die missen sich ganz neidisch saachen:
So hamm mir ooch in friehsten Daachen
Dahingedeest, noch frei von Blaachen
Un Sorchen um des Maachenfraachen,
Die`s schbätre Lähm uns zugedraachen.
Drum, Seichling uff dein Unterlaachen,
Genieß dei Glick im Ginderwaachen!"

1929 zog sie nach Bremen, 1934 nach Lübeck und 1935 nach Flensburg. Während dieser Zeit erschienen von ihr unter anderen „Säk’sche Balladen“, „Säk’sche Glassigger“, „Mally der Familienschreck“, „Mir Sachsen – Laute gleenes Zeich zum Vortragen“ und „Leibzcher Lindenblieten“.

Während der Zeit des Nationalsozialismus wurde ihr unter anderem Verunstaltung der deutschen Klassiker vorgeworfen. Gauleiter Martin Mutschmann sorgte ab 1936 dafür, dass Lene Voigts Arbeiten nicht mehr publiziert werden durften.

Nach dem Krieg 1945 waren Lene Voigt und ihre Werke in Vergessenheit geraten. Ihr Geld verdiente sie beim Rat des Kreises Leipzig-Land in der Lebensmittelkartenstelle. 1946 diagnostizierte man bei ihr in der Nervenklinik der Leipziger Universität Schizophrenie. Kurze Zeit später wurde sie in das Bezirkskrankenhaus für Psychiatrie Leipzig-Dösen eingewiesen. Dort arbeitete sie später auch als Botin in der Verwaltung. Lene Voigt nutzte das Schreiben als eine Therapie. Ihre Werke verschenkte sie an Mitarbeiter des Krankenhauses, das sie nicht mehr verließ. Sie starb dort am 16. Juli 1962.

Mittwoch, 1. Januar 2020

Milena Jesenská

 "Sie ist ein lebendiges Feuer, wie ich es noch nie gesehen habe", schrieb Franz Kafka über Milena Jesenská. - Milena Jesenská - Kafka-Freunden wird sie sicherlich zumeist nur als Milena bekannt sein. So ging sie zumindest in die Literaturgeschichte ein. Franz Kafka hat sie mit seinen Liebesbriefen unsterblich gemacht. Doch sie war mehr als nur die Empfängerin hinreißender Liebesbriefe (ihre eigenen Briefe an Kafka sind leider verschollen). „Milena Jesenská war eine begnadete Journalistin, mit einer großen Empathie, (…) ein weiblicher Egon Erwin Kisch“, sagt Milena-Biografin Alena Wagnerova.

Milena Jesenská wuchs in einem Haus an der Grenze zwischen der Prager Alt- und Neustadt, das war damals die Obstgasse 17, als Einzelkind auf. Als sie drei Jahre alt war, bekam sie zwar noch einen Bruder, doch er überlebte nur sechs Monate lang. Sie war in einem Zwiespalt: Alle kümmerten sich nur um das kranke Baby, sie fühlte sich zurückgesetzt und ungeliebt. Als er starb, trauert sie zwar, empfindet aber auch Erleichterung, für die sie sich schämt. Sie wird ihren Bruder nie vergessen, bittet Kafka später, sein Grab zu besuchen. Ihr Vater, der Prager Zahnarzt Jan Jesenský, hatte in diesem Haus auch jahrelang seine Praxis. Um sein Studium zu finanzieren, hatte er sich eine Frau aus reichem Elternhaus gesucht. Er wurde aber durch harte Arbeit ein geschätzter Zahnarzt und geachteter Hochschullehrer. Das Verhältnis zu ihrem Vater ist nicht leicht. Er

"liebt seine Tochter über alles, nur ist seine Liebe zu ihr sprunghaft und unberechenbar. Einmal schlägt er sie, einmal hebt er sie in den Himmel, einmal soll sie ein braves liebes Mädchen sein, ein anderes Mal darf sie wie ein Junge toben. Vor allem aber soll Milena immer so sein, wie er es sich wünscht. Jan Jesenský, in seiner Arbeit ein für jeden Fortschritt aufgeschlossener Mann, benimmt sich zu Hause wie ein konservativer Patriarch. Milena muß ihn siezen, was in vielen Familien zu dieser Zeit nicht mehr üblich ist, und ihm sogar die Hand küssen. Und seine Schläge sind oft ungerecht." 

Das war für sie unheimlich schwer. Wie soll sie damit umgehen: Entweder sie zerbricht daran oder sie begehrt auf. Diese Widersprüchlichkeiten werden ihre Spuren bei Milena hinterlassen. Glücklicherweise hatte sie wohl zu ihrer Mutter eine gute Beziehung.

Durch die Freundschaft zu der Hausmeistertochter Marie Bohácová erfährt sie den ersten Einblick in die sozialen Unterschiede, die die Menschen voneinander trennen. Sie besuchte das "Minerva"-Gymnasium, die erste Mädchenmittelschule Mitteleuropas, und pflegte schon in früher Jugend einen demonstrativ zur Schau gestellten Lebensstil mit diversen Eskapaden.

Entgegen bisherigen Annahmen, dass Milena Jesenská erst in Wien zu schreiben begann, tat sie dies schon auf dem Gymnasium. Eigentlich nicht allzu überraschend, gab es doch auf der Seite des Vaters zwei schreibende Frauen - zwei ältere Schwestern von ihm. Marie Jesenská, eine Übersetzerin aus dem Englischen, und die damals sehr geschätzte Schriftstellerin Růžena Jesenská, die Gedichte und Frauenromane schrieb.

1913, Milena ist siebzehn Jahre jung, stirbt ihre Mutter nach längerer Krankheit, während der sie von der Tochter am Nachmittag nach der Schule umsorgt wurde. Der Vater war in der Hinsicht eher empathielos, was ihm Milena bis an ihr Lebensende nicht verzieh. Und wie schon nach dem Tod des Bruders, erlebte sie auch diesmal eher eine Erleichterung. Doch sie trauert auch um den Verlust der Mutter.

Und sie testet ihre Grenzen aus. Gibt es überhaupt welche für sie? Mit ihren Freundinnen missachtet sie die Kleiderregeln, die Regeln, nach denen sich Tschechen und Deutsche in nur für sie bedachte Gegenden aufhalten. Sie gibt das Geld ihres Vaters mit vollen Händen für ihre Freundinnen aus und macht Schulden. Und das so lange, bis ihr Vater eine Anzeige in die Zeitung brachte, dass er für seine Tochter keine Rechnungen mehr bezahlen würde.

Nach der Reifeprüfung schreibt sie einen Brief an ihre Lehrerin:

"Ich will mich bei Ihnen bedanken. Nicht nur für die Matura. Für all die acht Jahre. Dafür, daß Sie mich niemals verurteilt haben für Dinge, die ich liebe, daß Sie mich als die Einzige nicht ausgelacht haben für das, was ich lese, und für das, was mir gefällt. Und dafür, daß Sie mir niemals gesagt haben, ich sei überspannt, weil ich Musik, Bilder und Bücher gerne habe. Das werde ich Ihnen nie vergessen." 

Das Verhältnis zum Vater ist auch jetzt nicht besser geworden. Einerseits verlangt er von ihr das Verhalten einer braven Tochter, andererseits soll sie die Rolle des Stammhalters und Sohnes spielen und beruflich in seine Fußstapfen steigen.

Als sie den deutsch-jüdischen zehn Jahre älteren Bankangestellten Ernst Polak kennenlernt, ist der Vater außer sich. Und als sie schwanger ist, und irgendwie versucht, das Kind abzutreiben und dabei fast verblutet, weist ihr Vater sie in eine Klinik ein. Man attestiert ihr "krankhaftes Fehlen moralischer Begriffe und Gefühle". Und irgendwie bewegt sie sich tatsächlich außerhalb des Legalen: Sie fälscht z. B. Unterschriften auf Wechseln und für ihre Eskapaden muss der Vater aufkommen.

Ernst Polak und Milena heiraten und siedeln nach Wien über. Die beiden sollen zwar gemeinsam gelebt haben, doch er kümmerte sich kaum um sie, ging oft zu einer Geliebten. Währen der Umzug nach Wien für Polak ein Fortschritt war - beruflich wie auch literarisch - musste Milena neu anfangen. Doch sie passt nicht in die Literatenrunde im Central und im Herrenhof:

"Sie saß da, unter den Leuten. Sie war jung und sehr hübsch, kräftig, schön gewachsen, hatte aschblondes Haar und diesen schönen kleinen Mund. Ich dachte, was hat sie da verloren. Sie sprach sehr schlecht deutsch und konnte sich an der Diskussion kaum beteiligen",

erinnert sich Jahre später Franz Xaver Graf Schaffgotsch an seine erste Begegnung mit ihr.

Gemeint sein muss aber wohl, dass Milena den hier herrschenden Ton nicht beherrschte. Deutsch muss sie schon gekonnt haben, übersetzte sie doch schon schwierige Texte aus dem Deutschen.

Die politischen Umwälzungen - mit Ende des Krieges im Jahr 1918 findet auch der Zusammenbruch Österreichs statt - treffen das Ehepaar. Polak weigert sich, seine Frau finanziell zu unterstützen. So arbeitet Milena als Übersetzerin und schleppt Koffer auf den Wiener Bahnhöfen. Ja, sie stahl sogar Geld, um sich hübsche Kleider kaufen zu können.
Kafka (1923)

Milenas Laufbahn als Korrespondentin für die "Prager Tribüne" und die "Nationalblätter" und als Kafkas Übersetzerin begann. Als die Erzählung "Der Heizer" 1920 auf Tschechisch erschien, hat zwischen Autor und Übersetzerin schon ein Briefwechsel begonnen. Dieser begann zwar beruflich, doch wurden die Schreiben bald auch persönlicher. In Kafka fand Milena endlich einen Menschen, der sich um sie sorgte und der sie verstand. Und für Kafka ist sie die erste Frau in seinem Leben, die ihm ebenbürtig ist. Schon aus ihren ersten geschriebenen Artikeln erkennt Kafka ihre Seelen- und Geistesverwandtschaft mit der großen tschechischen Schriftstellerin des 19. Jahrhunderts, Božena Němcová. Ende Juni lernen sich die beiden - obwohl sich Kafka davor zunächst fürchtet - persönlich kennen. Die unbeschwerten vier Tage wirken lange in ihm nach:

"Und trotz allem glaube ich manchmal: wenn man durch Glück umkommen kann, dann muß es mir geschehn. Und kann ein zum Sterben Bestimmter durch Glück am Leben bleiben, dann werde ich am Leben bleiben." 

Zurück in Prag, löst Kafka seine Verlobung mit Julia Wohryzek. Er möchte mit Milena zusammenleben. Doch diese schafft es nicht, sich von Polak zu trennen. Ein Zusammenleben wäre auch sicherlich nicht einfach. Zu verschieden sind ihre Ansichten in Bezug auf Ehe und Sexualität und das Gesetz:

"Aber gerade dieser absolute moralische Anspruch Kafkas, seine ungeheuerliche ethische Sensibilität, macht ihn in ihren Augen zu einem außerordentlichen Menschen. Während so viele sich mit der Lüge arrangieren, lebt er in der Wahrheit. Wenn auch Milena dem Leben und seiner Realität zugewandt ist, betrachtet sie Kafkas Kompromißlosigkeit als etwas Reineres und Höheres als ihre eigene Einstellung. Sie ist allerdings für sie nicht lebbar. Besteht Milenas Radikalität darin, daß sie, ohne die Sehnsucht nach der ,besseren Welt' aufzugeben, das Leben in seiner Realität akzeptiert, dann besteht die Kafkas in der Ablehnung jeglichen Kompromisses und dem Festhalten an dem Idealen, das einzig und allein wert ist, gelebt zu werden. Es geht darum, in jedem Augenblick des Lebens der Erlösung wert zu sein, selbst wenn es keine geben solte. Weil Milena Jesenská diese Radikalität Kafkas versteht, weiß sie auch, daß er nicht mehr gesund wird. Und sie weiß auch, daß neben ihm für sie letztlich kein Platz ist."

1925 ließ sich Milena schließlich von ihrem Mann scheiden und zog zurück nach Prag, wo die nun weltgewandt Auftretende von der tschechischen Avantgarde begeistert aufgenommen wurde. Sie wurde Redakteurin bei einer Zeitung. Es folgten glückliche Jahre. Milena schrieb nicht nur, sie war "verantwortliche Redakteurin der Frauenseite von Národni listy. Sie hat nun ein Team von Mitarbeiterinnen, die für sie schreiben oder selbst kleine Rubriken auf der Frauenseite betreuen". In dieser Generation gehören auch zum ersten Mal eine größere Anzahl von Frauen aus der gebildeten Schicht an. Während dieser Zeit weckte ihre Gesellschaftsseite Interesse, die Auflage der Zeitung wuchs.

Milena lernt im Sommer 1926 den Architekten Jaromir Krejcar. In Sachen Sensibilität für die Dinge des Alltags, aber auch in seinem Leichtsinn und den Hang, unüberlegte Entscheidungen zu treffen, stand er Milena nicht nach. Aber Milena war glücklich mit ihm und bald schon kündigte sich das lang ersehnte Kind an. Doch das Glück währt nicht lange. Im vorletzten Monat der Schwangerschaft bricht bei Milena eine Gelenkentzündung aus, die ihr schwer zu schaffen macht. Wegen der geschwollenen Beine, kommt das Kind, ein Mädchen, im August 1928 per Kaiserschnitt zur Welt. Milenas rechtes Bein bleibt steif und sie wird morphiumsüchtig. Der Vater, der von Krejcar gerufen wurde, machte den Vorschlag, das Baby zu sich zu nehmen und aufzuziehen. Doch Milena würde es lieber ertränken.

"Das volle Ausmaß der Tragödie Milena Jesenkás begreift man allerdings erst dann, wenn man weiß, daß ihre Gelenkentzündung gonorrhoischen Ursprungs war und es ihr eigener Mann war, der sie infiziert hat." 

Ganz langsam kehrt sie ins Leben zurück. Doch ihre Arbeit verliert sie. Ihr Team ist während ihrer Krankheit auseinandergebrochen.

Milena wurde politisch tätig. Sie gehörte bislang der linken Avantgarde an, doch das Einschwenken der Kommunistischen Partei auf den Moskauer Kurs wird schwierig für sie: eigenes Denken war dort unerwünscht. Jaromir Krejcar geht als Architekt in die Sowjetunion. Milena bleibt mit der Tochter, was praktisch das Ende der Ehe bedeutete. Sie muss mit Tochter Honza das große Haus verkaufen und in eine kleine Wohnung ziehen. Was sie nicht für möglich hielt, trat noch ein: Hinkend und süchtig erweckt sie noch die Liebe und Achtung eines Mannes: Evzen Klinger. Das Verhältnis zum Vater verschärft sich wieder: Seine Tochter arbeitet für die Kommunistische Partei und lebt mit einem Juden zusammen - er verbietet ihr das Haus. Als Milena von der Kommunistischen Partei aufgefordert wird, sich von Evzen Klinger zu trennen, geht ihr das zu weit. Sie verlässt die Partei und erlebt eine Zeit "extremer existenzieller Not und einer tiefen persönlichen Krise".

Glücklicherweise hat sie Freunde, die ihr helfen. Jemand besorgt ihr mal eine Arbeit, bei der sie unter Pseudonym schreiben kann, andere geben Geld, ja selbst vom Vater kommt wöchentlich ein Scheck, wenn die Enkeltochter bei ihm zu Besuch war. Reichen tut es trotzdem vorne und hinten nicht. Nicht nur, dass Milena immer noch nicht wirtschaften kann, nein, sie hilft damit auch gleich wieder anderen, die noch ärger dran sind als sie. Und als ob sie geahnt hätte, dass sie sich in naher Zukunft ihre Sucht in keiner Weise leisten kann, ging sie im Februar 1937 in eine Klinik zu einer Entziehungskur, die sie nach zehn Tagen geheilt verließ.

Endlich erfüllte sich auch ein Wunsch Milenas: 1937 bekommt sie eine feste Stelle bei der Wochenzeitschrift Pritomnost (Gegenwart), wo sie aktuelle politische, gründlich recherchierte Reportagen schreiben darf. Endlich ist sie das "Plappern über die Mode" los.

1939, als erst Prag und dann der Rest der Tschechoslowakei von der deutschen Wehrmacht besetzt war, wurde Milena zur Widerstandskämpferin und Fluchthelferin (für ihren Einsatz als Fluchthelferin wurde sie in Israel als "Gerechte der Nationen" ausgezeichnet.) Mit Unterstützung von Joachim von Zedtwitz, einem Adligen aus Westböhmen, der einen Wagen hat und bereit ist, die Flüchtlinge, die sich in Milenas Wohnung sammeln, an die polnische Grenze zu bringen, wo ihnen weitergeholfen werden soll.

Noch im selben Jahr wird Milena von der Gestapo verhaftet und Ende Oktober 1940 in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück deportiert. Und auch hier half Milena anderen Menschen und kam den Neuankömmlingen mit menschlicher Wärme entgegen. Milena plante, ein Buch über das KZ zu schreiben. Einer Freundin vertraute sie ein Notizbuch an, doch diese verlor es im Chaos nach der Befreiung.

An Schriftlichem aus dem KZ sind von Milena nur "Briefe an den Vater und die Tochter übriggeblieben, und das Märchen ,Die Prinzessin und der Tintenklecks', das man nach ihre Tode auf einem vergilbten Zettel in ihrem Schreibtisch im Krankenrevier gefunden hat".

Ein Versuch von ihrem Fluchthelfer Joachim von Zedtwitz, ihre Befreiung aus dem KZ zu erreichen, scheitert schon bei den Vorbereitungen.

Milena Jesenká starb am 17. Mai 1944 an den Folgen einer Nierenoperation.

Montag, 30. Dezember 2019

Isabella Lechner: Wienerinnen, die lesen, sind gefährlich

"Man wird erst wissen,

was die Frauen sind, wenn ihnen nicht mehr
vorgeschrieben wird, was sie sein sollen."

Rosa Mayreder

Es ist ein kleines und handliches Buch vom Elisabeth Sandmann Verlag und in folgende Kapitel unterteilt:

Frauenrechtlerinnen und Kämpferinnen
Salonièren und Künstlerinnen
Schriftstellerinnen und Dichterinnen
Geschäftsfrauen und Pionierinnen

Josefine-Hawelka-Weg, Johanna-Dohnal-Hof und Anna-Freud-Park sind Straßen, Plätze und Gebäude, die nach Wienerinnen benannt wurden. Doch kennt jemand noch die Frauen?

Zeitlich bewegen wir uns zwischen 1797 und 2010, einen Zeitraum voller geschichtlicher Umbrüche, in der Frauen um ihr Recht und Leben gekämpft haben. Sei es im Wien als Haupt- und Residenzstadt eines Kaiserreichs, als das Frauenideal noch eines der biedermeierlichen Hausfrau, aufopfernden Gefährtin und Mutter war. Doch es gab Frauen, die um ihre Klugheit wussten und Mittel und Wege fanden, ihre Träume zu leben.
Um 1848 gab es viele Wienerinnen, die sich für Frauenrechte und gesellschaftlichen Umbruch einsetzten. Aber es sollte noch lange dauern, bis Frauen auch politisch mitreden konnten. Doch in der Zeit des Nationalsozialismus wurden sie wieder zurückgedrängt an Heim und Herd. Erst in den 1970er Jahren wurde der Kampf um Gleichberechtigung in der autonomen Frauenbewegung erst wieder so richtig aufgenommen.

Dieses Buch macht Lust darauf, sich näher mit den einzelnen Frauen zu beschäftigen und noch mehr über sie zu erfahren.

Mittwoch, 25. Dezember 2019

Thomas Blisniewski: Frauen, die den Faden in der Hand halten


Das Buch ist gespickt mit wunderschönen Bildern mit handarbeitenden Frauen - dazu gibt es dann immer eine einseitige Interpretation des Bildes.

Nachdem ich aus den Texten herausgelesen habe, was eine handarbeitende Frau damals bedeutete und was die Handarbeit für die Frau bedeutete, bin ich heute ganz froh, dass ich sticken, stricken und häkeln als Hobby betreiben kann.

Schon kleinste Mädchen mussten sticken (ich selbst habe schon Mustertücher von damals achtjährigen Mädchen nachgestickt und weiß, was das für eine Arbeit ist) - und das nicht nur, um für den Lebensunterhalt der Familie beizutragen. Nein, die Mädchen wurden angehalten, Handarbeiten zu machen, um ja nicht auf andere Gedanken zu kommen. Handarbeitende Frauen sündigten nicht und blieben dem Mann Untertan.

Die Handarbeit konnte aber auch eine politische Note haben, wenn die Mädchen und Frauen für die Soldaten im Krieg strickten.

Und wieder sind es die Bilder, die mir hier ans Herz gehen - vor allem, weil ich selber eine leidenschaftliche Kreuzstickerin bin.

Samstag, 21. Dezember 2019

Frank McCourt


Frank McCourt wurde am 19. August 1930 geboren. Wikipedia bezeichnet ihn als Schriftsteller, doch der wurde er erst mit 66 Jahren. Und wie sah sei Leben bis dahin aus?

Er war der älteste Sohn irischer Einwanderer, geboren in Brooklyn, New York. Wegen der Großen Depression ging die Familie 1935 nach Irland, ins katholisch geprägte Limerick zurück. Doch sein Vater war arbeitslos und vertrank zumeist das Stempelgeld, sodass Frank den Rest seiner Kindheit und seine Jugend sehr ärmlich verbrachte.
1940 ging der Vater nach England. Durch den Krieg fand er dort Arbeit in einer Fabrik. Aber den Lohn schickte er nicht nach Hause. So war Frank gezwungen, mit vierzehn Jahren als Telegrammjunge arbeiten zu gehen. Auf diese Weise sorgte er zusammen mit seiner Mutter Angela für die jüngeren Geschwister.
Er träumte aber davon, wieder nach Amerika zurückzukehren. Fünf Jahre brauchte er, bis er endlich die Fahrkarte nach New York zusammengespart hatte und sich 1949 auf den Weg machte. Er arbeitete zuerst im Biltmore Hotel, ging dann zur Armee und war drei Jahre lang als Korporal in Bayern stationiert, hauptsächlich bei der Hundestaffel in der Lenggrieser Prinz-Heinrich-Kaserne. Begeistert war er nicht. Er hatte gehofft, nach England versetzt zu werden, da wäre er näher an der irischen Heimat.
Wieder in New York, studierte er und arbeitete nebenbei für den Lebensunterhalt in Lagerhäusern und auf den Docks. Nach dem Studium war er Englischlehrer an verschiedenen Schulen. Vor seinem Ruhestand war er fünfzehn Jahre an der renommierten New Yorker Stuyvesant High School, wo er hauptsächlich kreatives Schreiben unterrichtete.
Frank McCourt war dreimal verheiratet, aus erster Ehe stammt seine Tochter Margaret.

Eigentlich wollte er Romane schreiben, kein Lehrer mehr sein. Dickens, O’Casey, Joyce, Beckett, aber auch PG Woodhouse waren bis zuletzt seine Vorbilder. Doch er hat sie durch das viele immer wieder Lesen so verinnerlicht, dass jeder eigene Schreibversuch nach Imitation klingen würde.

Erst im Ruhestand schrieb McCourt Die Asche meiner Mutter, wo er seine schwierige Kindheit und Jugend verarbeitete. Über sechs Millionen Exemplare wurden verkauft, es wurde in 40 Sprachen übersetzt und noch im Erscheinungsjahr bekam er den National Book Critics Circle Award und 1997 den Pulitzer-Preis. 1999 verfilmte Alan Parker den Stoff.

"Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, frage ich mich, wie ich überhaupt überlebt habe. Natürlich hatte ich eine unglückliche Kindheit; eine glückliche Kindheit lohnt sich ja kaum. Schlimmer als die normale unglückliche Kindheit ist die unglückliche irische Kindheit, und noch schlimmer ist die unglückliche irische katholische Kindheit."

Über sein weiteres Leben in New York schrieb Frank McCourt in Ein rundherum tolles Land  (1999) (während dieser Arbeit schrieb auch sein Bruder Malachy an seinen eigenen New Yorker Erinnerungen) und Tag und Nacht und auch im Sommer (2005), in dem es hauptsächlich um sein Berufsleben als Lehrer mit teils sehr problematischen Klassen ging.

Frank war sehr familienverbunden. Es schien ihm nichts auszumachen, dass die Sippe oftmals an seinem Rockzipfel hing. Besonders Tochter Maggie und ihren drei Kindern half er gerne.

Frank McCourt starb am 19. Juli 2009 in einem Hospiz in Manhattan, New York, an einer durch Hautkrebs hervorgerufenen Meningitis.
Sein Bruder Malachy weihte im Juli 2011 in der Leamy's School, die McCourt einst als Schüler besuchte, ein Frank-McCourt-Museum ein.